Vorschlag für einen
"Internationalen Aktionstag gegen die
Kommerzialisierung von Bildung"
(5.Nov. 2008)
Liebe AktivistInnen!
Lasst mich die Situation erstmal vorstellen...
Ich selber bin Aktivist hierzulande. Wir haben jahrelang gegen die Einführung von Studiengebühren und die sich immer stärker etablierende Kommerzialisierung von Bildung und Einfluss wirtschaftlicher Akteure auf Studiengänge, Lehrinhalte und Forschung an den Hochschulen demonstriert, protestiert und mobilisiert. Allein in Deutschland waren wir in den letzten Jahren viele Zehntausende Menschen, die unter anderem demonstrierten, Autobahnen blockierten, Universitätsgebäude besetzten und deswegen auch in Gewahrsam genommen wurden.In Europa ist diese Entwicklung Teil des sogenannten Bologna Prozesses, welcher von den europäischen BildungsministerInnen 1999 mit der Bologna-Erklärung angestoßen wurde. Dieser hat zum Ziel Europa bis zum Jahre 2010 zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum“ der Welt zu machen, ganz so wie alle anderen Staaten, Länder und Staatenbündnisse auf dem Planeten das ebenfalls versuchen. Dieser Bologna-Prozess fußt auf derselben Ideologie, welche von der Welthandelsorganisation (mit ihrem Allgemeinen Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen [GATS]) in der ganzen Welt propagiert wird. Dies resultiert in Bildungssysteme, welche primär wirtschaftliche anstatt öffentliche Interessen verfolgen.Indem Hochschulen mehr „Autonomie“ versprochen und Wettbewerb zwischen den Bildungseinrichtungen gefördert wird, kristallisieren sich einige „exzellenten Elitehochschulen“ (welche sich durch hohe Studiengebühren und/oder Forschungsaufträge aus der Wirtschaft finanzieren) und viele unterfinanzierte „Massenhochschulen“ mit der Zeit heraus.
Dass somit nur noch profitable Studiengänge (welche von der Privatwirtschaft unterstützt werden) sich durchsetzten ist nicht weiter erwähnenswert. Dieser ganze Prozess zur Etablierung der Bildung als Ware ist in den U.S.A., Kanada, Australien und England in den letzten 20 Jahren mit den weit bekannten Folgen schon viel weiter fortgeschritten.Viele Länder in Lateinamerika und Afrika eifern dieser Entwicklung ebenso nach und nun soll sich dieser Prozess auch im restlichen Europa durchsetzen.
Proteste überall
Seit meinem Engagement bei den Studiprotesten hierzulande habe ich mich etwas verstärkt mit dem Thema auseinandergesetzt und eine Liste der Studiproteste gegen die Kommerzialisierung von Bildung (und die damit eng zusammenhängenden Studiengebühren) im Jahre 2007 zusammengestellt:
http://fading-hope.blog-city.com/international_student_protests_2007.htm
Das Ergebnis: (teilweise massive) Proteste in mehr als 30 Ländern auf 5 Kontinenten alleine innerhalb eines Jahres. Und das waren nur diejenigen, über die ich Infos fand.
Für das Jahr 2008 versuche ich das wieder zu machen: http://fading-hope.blog-city.com/students_protest_worldwide_against_commercialisation_bologn.htm
Soweit ich weiß, gehen zur Zeit StudentInnen (und teilweise auch LehrerInnen) in Chile, auf den Philippinen, in den U.S.A. (insbesondere in Kalifornien), Spanien, Kanada, England, Neuseeland, Deutschland und wahrscheinlich auch bald wieder in Österreich für freie Bildung unter „angemessenen Bedingungen“ auf die Straße.Meiner Meinung nach fällt unter „angemessene Bedingungen“ auch emanzipatorische Bildung, mit deren Hilfe Menschen dazu befähigt werden, ihr soziales Umfeld kritisch zu reflektieren. Es ist verständlich, dass wirtschaftliche und staatliche Akteure kein Interesse daran haben, solch eine Form der Bildung zur Verfügung zu stellen. Menschen, die ihr Handeln und ihr Umfeld kritisch hinterfragen, sind wesentlich schwieriger zu manipulieren und zu kontrollieren. Aber für mich ist eine Gesellschaft nur dann wahrhaft demokratisch, wenn die meisten (wenn nicht alle) Mitglieder im Stande sind, das, was um sie herum passiert und wessen Interessen sich in der sozialen Machtstruktur widerspiegeln, zu reflektieren. (Mehr Infos gibt’s dazu in der Facebook – Gruppe [ähnlich wie StudiVZ], welche ich weiter unten noch erläutern werde.) Deshalb ist freie und emanzipatorische Bildung für alle sehr wichtig, wenn es jemals eine wahrhaft demokratische Gesellschaft irgendwo geben soll. Durch die zunehmende Privatisierung von Bildung wird genau das Gegenteil erreicht. Die letzten Studiengänge und Lehrinhalte mit emanzipatorischem Anspruch – für deren Etablierung sich vorherige Bewegungen einsetzten – werden auch noch gestrichen, da sie nicht rentabel sind (außer es finden sich vielleicht ein paar StudentInnen aus wohlhabenden Elternhäusern, die gewillt sind, dafür viel Geld auszugeben). Letztendlich geht diese fragwürdige Entwicklung nicht nur die Studierenden, sondern auch die ArbeiterInnen und die Gesellschaft als Ganzes etwas an.
Was können wir – die Studierenden auf der ganzen Welt – tun?
Es gibt eine Gruppe auf facebook.com mit mehr als 1.400 Mitgliedern aus vielen Teilen der Welt: “International Students Movement for Free and Emancipating Education” (http://www.facebook.com/group.php?gid=24722765003). Wenn du schon bei Facebook registriert bist, dann trete doch einfach dieser Gruppe bei! Wir müssen uns stärker vernetzen. Ich gebe zu, dass ein Netzwerk, in dem jede einzelne Nachricht mit Leichtigkeit zurückverfolgt werden kann, nicht die ideale Plattform darstellt. Die Tatsache, dass sich über dieses Medium so viele Menschen potentiell erreichen lassen, bietet eine große Möglichkeit mit anderen AktivistInnen in Kontakt zu treten und im gewissen Maße ein verstärktes Bewusstsein für diese Thematik zu schaffen. Außerdem gibt es einen neuen Verteiler: https://lists.riseup.net/www/info/international_students_movement
Tragt euch dort ein (einfach auf „Subscribe“ klicken und Email Adresse eingeben)! Mit diesem Verteiler können Studis und sonstige AktivistInnen aus unterschiedlichsten Ländern, welche sich gegen die Privatisierung von Bildung einsetzen, sich gegenseitig über ihre Protestaktionen informieren und auch in Kontakt miteinander treten.Ein Online-Forum kann ebenfalls helfen Menschen zusammenzubringen und miteinander zu diskutieren und Aktionen zu planen. (Folgender Eintrag kann als temporäres Forum fungieren: http://libcom.org/forums/organise/international-students-movement-21072008).
Die Kommerzialisierung von Bildung ist Teil eines globalen Prozesses, der von einer „neoliberalen Ideologie“ (siehe WHO; Logik des globalen Standortwettbewerbes) und dem Durst nach stetig steigenden Profiten bestimmt wird.
Um dieser Entwicklung entgegentreten zu können, müssen wir unseren Protest und Widerstand zusammen bringen und koordinieren.
Wir werden uns nicht auf Humankapital reduzieren lassen!
Internationaler Aktionstag am 5. November 2008
Mehrere Provinzen in ganz Kanada planen für den 5. November in diesem Jahr einen „Aktionstag gegen Studiengebühren“. Warum machen wir nicht gleich einen „Internationalen Aktionstag gegen die Kommerzialisierung von Bildung“ daraus?? Das würde demzufolge auch Aktionen gegen den wachsenden Einfluss wirtschaftlicher Akteure auf die Bildung (siehe z.B. Stiftungsunis), begünstigt durch die verstärkte Abhängigkeit der Bildungseinrichtungen von „äußeren Sponsoren“, beinhalten. Wir sind Millionen von AktivistInnen verteilt auf der Erde und potentiell sogar noch viel mehr, während die meisten Gesellschaften wohlhabender (finanziell gesehen) sind als jemals zuvor. Deshalb darf freie und emanzipatorische Bildung für alle keine Vision bleiben. Das Potential ist vorhanden, wir müssen es nur richtig einsetzen.Viele Menschen (einschließlich Studis) sehen entweder das Problem nicht (deshalb müssen wir eine neue öffentliche Diskussion ins Rollen bringen, welche die Aufgaben der öffentlichen Bildung thematisiert!) oder haben die Hoffnung aufgegeben und glauben, sie könnten sowieso nichts ändern.
Das ist aber eindeutig FALSCH! Wir müssen uns nur richtig organisieren. Zu viele Menschen sehen nicht, wie viele andere Individuen ebenfalls gegen genau die gleichen Zwänge kämpfen, wie sie selbst.Auch um dieses globale Bewusstsein zu stärken und wieder Hoffnung zu verbreiten, brauchen wir einen „Internationalen Aktionstag gegen die Kommerzialisierung von Bildung“! Deshalb schlage ich Folgendes vor: Die meisten von euch, die das hier jetzt lesen, sind Teil einer Studibewegung oder -vertretung. Diskutiert diesen Vorschlag des Aktionstages mit euren MitstreiterInnen. Wenn ihr meint, dass es einen Versuch wert ist mitzumachen, dann mobilisiert Leute für eine Protestaktion (was genau, das ist euch überlassen). Macht Bilder von der Aktion (die Gesichter unkenntlich) und schickt diese dann zusammen mit einer kurzen Zusammenfassung der Aktion über den internationalen Verteiler: international_students_movement@lists.riseup.net
Zehn Tage später (am 15.11.) könnten wir uns daran machen, ein Heftchen (oder Flyer) mit einer Auflistung der ganzen Proteste an diesem Tag zusammenzustellen. Dieses/en können wir wiederum als Datei an alle interessierten Gruppen und sozialen Bewegungen verschicken. Sie können den Inhalt dann ausdrucken und in ihrem Umkreis verteilen.Zudem können etablierte Gruppierungen und Studivertretungen bezogen auf den Aktionstag Presseerklärung verschicken, um eine breitere Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen.
Noch eine kleine Anmerkung: Dieser Aktionstag soll erst der Anfang sein. Er soll dazu dienen, die globale Perspektive des Kommerzialisierungsprozesses stärker in das Bewusstsein der Studierenden und anderer Bevölkerungsgruppen zu rücken. Die Erwartungen sollten nicht zu hoch geschraubt werden, schließlich ist das der erste Versuch (soweit ich weiß). Wenn wir genügend Menschen aus verschiedenen Teilen der Erde auf dem Verteiler haben und im Forum mitdiskutieren, dann können weitere Aktionen geplant und koordiniert werden.
Dieser Vorschlag wird in folgenden Sprachen: spanisch, englisch, griechisch, italienisch, französisch und philippinisch in mehreren Teilen der Welt zirkulieren. Die unterschiedlichen Versionen können dann auf dem Blog: fading-hope.blog-city.com abgerufen werden.
LET’S DO IT!!
PS: Da Englisch von den meisten gesprochen wird, wäre es super, wenn bei der Kommunikation über den Verteiler, oder im Forum auch von der englischen Sprache – wenn möglich – Gebrauch gemacht würde, damit es mehr Menschen verstehen. Thank you! Danke! Gracias! Merci! Grazie! Ευχαριστίες! Obrigado!
Für Fragen, Kommentare, Anregungen und Kritik bitte eine Mail an folgende Adresse schicken: international.students.movement@gmail.com